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Die Kultur afrikanischer Städte

Afrikanische Städte werden oft mit Schmutz, Chaos und Kriminalität in Verbindung gebracht. Ethnologische Forschung versucht, Ordnungen und Strukturen
im städtischen Leben zu finden – meist zusammen mit Partnern vor Ort.
Till Förster

UN119_Bild_Art_2_grossSind die Städte Afrikas noch zu retten? So oder so ähnlich mag man sich fragen, wenn man auf die groben Daten schaut, die einem ins Auge springen, wenn man über afrikanische Städte liest. Nirgends auf der Welt wächst die städtische Bevölkerung so rasant wie in Afrika, nirgends scheinen auch die urbanen Probleme so drängend und so wenig beherrschbar wie auf Europas Nachbarkontinent. Aus den brodelnden Innenstädten machen sich immer mehr Menschen auf den unsicheren Weg nach Europa, während die beschönigend „spontane Siedlungen“ genannten Slums dennoch ins Uferlose wachsen. Vergiftetes Wasser und eine von Abgasen geschwängerte Luft tun ein Übriges, das Leben in afrikanischen Städten als Qual erscheinen zu lassen.

Unregierbar und gestaltlos?
All die verstreuten und selten fundierten Notizen des Städtischen gerinnen zu einem Bild der afrikanischen Stadt, das zum Gegenbild dessen wird, was im Norden als Inbegriff des Urbanen gilt: des städtischen Lebens der Flaneure und Kreativen, die Neues aus den vielen Begegnungen schöpfen, die ihnen nur eine Stadt bieten kann. Stattdessen scheinen Umweltverschmutzung, Chaos, Kriminalität und enttäuschte Lebensträume die afrikanische Stadt zu beherrschen. Die Städte Afrikas werden gleichsam zu einer neuen Heterotopie, einem „Gegenüber“ oder „Gegen-Ort“ des Zivilisierten und treten an die Stelle, die einst das wilde, unzivilisierte Afrika eingenommen hat: unregierbar und ohne erkennbare Gestalt.

Doch der westliche Blick auf afrikanische Städte täuscht. Die Menschen, die in Afrika wie anderswo ihre Stadt leben, geben ihr tagtäglich Gestalt. Das westliche Bild der afrikanischen Stadt ist nicht das ihre, das sie in ihrem Handeln von Tag zu Tag neu schaffen. Sie nutzen den städtischen Raum ohne Rücksicht auf das, was Planer ihnen vorgeben wollten. Sie schaffen sich Wege durch die Quartiere, die Märkte und Strassen, die ihre eigenen sind, die es ihnen erlauben, ihren schwierigen Alltag zu bewältigen. Die Ordnung afrikanischer Städte mag für Europäer unsichtbar sein – aber das heisst nicht, dass es sie nicht gibt. Selbst der geringste Platz einer Verkäuferin am Strassenrand ist Regeln unterworfen, selbst das scheinbare Chaos hat eine Ordnung.

Was afrikanische Städte so faszinierend macht, ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichen, das Nebeneinander von verschiedenen, aber ineinandergreifenden Praktiken, den Raum zu nutzen, den die Stadt bietet. Daher auch entzieht sich das Urbane in Afrika der direkten, einfachen Repräsentation. Es ist widerständig, nicht greifbar. Es lässt sich nicht auf eine Formel bringen, nicht etwa einfach nur nach „Formal“ und „Informal“ unterscheiden oder nach Ordnung und Chaos. Afrikanische Städte sind höchst unterschiedlich. Die afrikanische Stadt gibt es nur in der Vorstellung derer, die ihr fremd gegenüberstehen.

Herausfordernde Vielfalt
Die Vielfalt afrikanischer Städte ist eine doppelte Herausforderung für die Forschung: Zum einen gilt es, den gewaltigen Unterschieden zwischen afrikanischen Städten gerecht zu werden. Das kann nur vergleichend geschehen. So unterschiedliche Städte wie Johannesburg in Südafrika und Bamako, die Hauptstadt Malis und die am schnellsten wachsende Stadt des Kontinents, müssen beschrieben und mit denselben Kriterien untersucht werden können. Zum andern gilt es der schieren Vielfalt und Komplexität jeder einzelnen Stadt gerecht zu werden. Dazu muss jede Darstellung eine Tiefe erreichen, die während eines kurzen Aufenthalts nicht zu erreichen ist. Man braucht einen langen Atem, will man sich dem Urbanen in Afrika widmen. Am Ethnologischen Seminar der Universität Basel sind zur urbanen Kultur Afrikas in den letzten Jahren zwei Forschungsprojekte durchgeführt worden – die trotz aller geleisteten Arbeit nicht mehr als ein Anfang sein können.

Ein vom Schweizerischen Nationalfonds gefördertes Projekt untersuchte über sechs Jahre die visuelle Kultur einer Stadt in ihrer ganzen Tiefe (vgl. UNI NOVA 100/2005). Es wandte sich der Frage zu, wie in Bamenda (Kamerun) Bilder erzeugt und genutzt werden, wie sie sich gleichsam über die Stadt legen und ihr ein eigenes Gesicht verleihen. Alles, was geschaffen oder gezeigt wurde, um gesehen zu werden, konnte Gegenstand der visuellen Kultur sein. Dabei war besonders aufschlussreich, wie Bilder von einem Medium in ein anderes wandern, etwa wenn sie zuerst als ein Foto erscheinen, sich dann aber auch als Gemälde zeigen und sich schliesslich zu mentalen Bildern verfestigen. Normative Vorstellungen, wie sich Schönheit oder Gesundheit in Gesicht und Körper zeigen, liessen sich so verfolgen und in den Bildern wiederfinden, die dann wieder als Werbetafeln, als Fotos, aber auch in Kleidung, Gesten und Bewegungen auf der Bühne des Alltags ihren Ausdruck fanden.

In einem andern, grösser und vergleichend angelegten Projekt arbeiten seit drei Jahren neun von der Volkswagenstiftung geförderte Doktoranden aus drei afrikanischen Ländern, der Schweiz und Deutschland zusammen. Das Projekt hat nicht nur zum Ziel, einen Vergleich zwischen verschiedenen Städten sowie dem Entstehen und dem Wandel ihrer Kulturen zu ermöglichen, es dient auch dazu, einen Austausch zwischen den höchst verschiedenen Regionen und Universitäten des Kontinents zu fördern. Mit der Bayero-Universität in Kano (Nordnigeria) und der Witwatersrand-Universität in Johannesburg (Südafrika) sind zwei Hochschulen aus dem englischen Sprachraum vertreten, mit der Universität Yaoundé I eine aus dem frankofonen Afrika. Während Kano und seine Universität stark dem Islam verpflichtet sind, ist Johannesburg eher durch eine säkulare Kultur geprägt. Die einzelnen Projekte untersuchen aber nicht nur, wie sich die lokale Prägung auf die Produktion von Kultur auswirkt, sondern auch, wie diese sich zu globalen Entwicklungen artikulieren. So sind zwei bereits abgeschlossene Dissertationen dem Mobiltelefon und dem Internet gewidmet, mit deren Hilfe heute aus jeder afrikanischen Stadt die Verbindungen zur Diaspora in Europa und Nordamerika aufrechterhalten werden (vgl. UNI NOVA 117/2011). Die schnelle und preiswerte Möglichkeit, jederzeit mit den über die ganze Welt verstreuten Angehörigen Kontakt halten zu können, hat bereits den Charakter der Migration in den Norden verändert. Auch deshalb ist zusammen mit dem Gebrauch der neuen Medien in afrikanischen Städten ebenderselbe Gebrauch in Basel und Freiburg i. Br. untersucht worden.

Neue Modelle, langfristige Perspektiven
Besonders bewährt hat sich in dem von der Volkswagenstiftung geförderten Projekt das Modell der Tandem-PhD-Projekte. So haben ein Kameruner Doktorand und eine Schweizer Doktorandin zu demselben Thema und mit eng aufeinander abgestimmten Forschungsfragen in Kamerun und am Oberrhein gearbeitet, wobei die schweizerische Doktorandin vor allem in Kamerun und ihre Partner vor allem in Deutschland und der Schweiz geforscht haben.

Trotz solcher Erfolge haben dieses und andere Projekte aber auch gezeigt, wie gross die Unterschiede zwischen afrikanischen Universitäten sind. Während einige – namentlich südafrikanische – Universitäten eine Ausbildung auf internationalem Niveau anbieten, bleibt anderswo noch viel zu tun. Hier hat die Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnern vor allem einen stützenden Charakter. Regelmässigen Aufenthalten afrikanischer Doktoranden, aber auch Postdoktoranden an einer europäischen Universität wie Basel kommt hier eine herausragende Rolle zu. Oft können sie sich erst so einen Zugang zur Wissenschaft erschliessen und ihr Wissen später zu Hause wieder einsetzen. All dies nützt jedoch wenig, wenn sich nicht auch die strukturellen und materiellen Rahmenbedingungen an afrikanischen Universitäten verbessern. Trotz des fast überall in den Städten Afrikas verfügbaren Internets bleiben dort viele Studierende und Doktorierende auf kommerzielle Internetcafés angewiesen, in denen sie keinen Zugang zu den Möglichkeiten wissenschaftlicher Recherche haben, wie sie eine Universitätsbibliothek mit ihren Online-Diensten bieten könnte.

In der Geschichte haben afrikanische Städte oft eine Kultur des Lehrens und Lernens entwickelt. Timbuktu mit seiner muslimischen Universität am Rand der Sahara ist vielleicht das bekannteste Beispiel, aber keineswegs das einzige. Nur lang angelegte Partnerschaften können hier eine Lücke schliessen, die sich in den letzten Jahren immer weiter geöffnet hat. Dazu bedarf es nicht nur eines Austauschs zwischen Doktorierenden – so wichtig dieser auch ist. Es bedarf auch eines verbindlichen Willens auf beiden Seiten, in diese Partnerschaften zu investieren. Schliesslich wird dadurch auch möglich, was sich mit einzelnen Forschungsprojekten kaum verwirklichen lässt: ein breiter angelegter Vergleich der Kultur afrikanischer Städte aus verschiedenen Perspektiven.
Prof. Till Förster ist Ordinarius für Ethnologie und Vorsteher des Ethnologischen Seminars der Universität Basel.

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Letzte Aktualisierung: 20.03.2012
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119 - März 2012
Afrika
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