30.07.2014
 

UNI NOVA 98 - Gesicht und Antlitz

#allg_leerbild# Gesicht und Antlitz
Thomas Pfluger

Der Chirurg Hans-Florian Zeilhofer stellt zerstörte Gesichter mittels Hightech wieder her und denkt gemeinsam mit Künstlern über das menschliche Antlitz nach. Ein Porträt.

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Prof. Hans-Florian Zeilhofer, geboren 1952 in Freising (Oberbayern),
ist seit 2002 Leiter der Abteilung für Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsspital Basel (Klinik für Wiederherstellende Chirurgie) und Extraordinarius seines Fachs. Zugleich ist er Chefarzt am Kantonsspital
Aarau und Leiter des von ihm aufgebauten Hightech-
Forschungszentrums Basel (im Rahmen des neuen fakultären Forschungsschwerpunkts
Clinical Morphology & Biomedical Engineering).
Nach dem Studium machte er seine Doktorate an der TU München, wo er 1998 auch habilitierte. Er erforscht unter anderem den Einsatz von computerunterstützten 3D-Verfahren in der Chirurgie des Gesichtsschädels. Für seine wissenschaftliche Arbeit hat er mehrere
Auszeichnungen erhalten (Bild: Andreas Zimmermann).
Die Kunst und die Chirurgie zusammenbringen? «Wenn so etwas irgendwo auf der Welt möglich ist, dann in Basel», sagte sich Prof. Hans-Florian Zeilhofer, Leiter der Abteilung für Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsspital Basel, und wagte das Abenteuer im letzten Sommer. Damals fragte er die Verantwortlichen der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst an, ob sie an einer Zusammenarbeit interessiert wären – mit Erfolg. In seiner Antrittsvorlesung wurden künstlerische Installationen zum Thema «Antlitz» präsentiert.

Die Kooperation soll fortgesetzt werden. Im Juni 2005, zeitgleich mit der Kunstmesse Art, will Zeilhofer ein Symposium mit dem Titel «Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der anderen Art – Visionen und Zukunft des Gebiets» veranstalten. Basel sei ein geistiges Zentrum Europas, meint er, der die Aufgeschlossenheit des Dreiländerecks schätzt. Er stammt aus einem anderen «geistigen Zentrum», dem früheren Bischofssitz Freising, der weit älter als das benachbarte und besser bekannte München ist.

Vorletztes Jahr folgte Zeilhofer dem Ruf nach Basel, in der Hoffnung, hier seine vielfältigen Ideen und Projekte zu verwirklichen. Denn Innovation sei in dieser Stadt Tradition, findet der Mediziner, dessen Vorvorgänger Bernd Spiessl damals ganz neue, heute etablierte Techniken in die Gesichtschirurgie eingeführt hatte. Als Kiefer- und Gesichtschirurg steht er am Schnittpunkt verschiedener Disziplinen: Zahnheilkunde, Medizin, heute auch Computertechnik, Mathematik und Informatik. Zeilhofer studierte zunächst neben Medizin auch Philosophie und nahm nach Abschluss in beiden Disziplinen das Studium der Zahnmedizin in Angriff – «um Zeit für die Entscheidung über meinen weiteren Weg zu gewinnen», erklärt er. Dabei entschloss er sich, sich der wiederherstellenden Chirurgie des Gesichtsschädels zu widmen.

Handwerk und Kreativität
15 bis 17 Jahre verbringt ein Kiefer- und Gesichtschirurg mit der Ausbildung. Denn wer die Knochen des Gesichtsschädels beschneidet, verschiebt und verändert, braucht vertiefte Kenntnisse zum Kauapparat, zu Zähnen und Gaumen und zu den Folgen des Eingriffs für die Mimik. Unabdingbar seien zudem grosse handwerkliche Fähigkeiten, sagt der Spezialist. «Dieser Aspekt fasziniert mich: Zuerst erlernt man die grundlegenden Fähigkeiten. Wenn die sitzen, beginnt man zu improvisieren – wie auf einem Instrument. » Die Improvisation ermöglicht es dem Chirurgen, auch in Situationen zu helfen, die nach den Regeln der Kunst verloren erscheinen, zum Beispiel nach schweren Verkehrsunfällen. Die Frage, ob solche Situationen – die grosse Verantwortung, die schlechten Aussichten – nicht auch beängstigend seien, verneint Zeilhofer: «Sie sind eine Herausforderung, und nach Operationen können tiefe, langjährige Beziehungen zwischen Arzt und Patient entstehen.» Die Kreativität ist auch die Grundlage zur Erforschung und Entwicklung neuer Techniken, die durch Weitergabe an die Studierenden in den Kanon der anerkannten Methoden aufgenommen werden. Die Lehre sei für ihn eine grossartige Sache, die er nicht nur nebenbei betreibe, sagt Zeilhofer mit sichtbarem Enthusiasmus. Der Beruf ist für die Studierenden praktisch ausnahmslos Berufung, glaubt er, sonst würden sie die lange Lehrzeit nicht auf sich nehmen. Die Kiefer- und Gesichtschirurgie fasziniert ganz offensichtlich – nicht nur wegen des komplexen Zusammenwirkens von Knochen, Muskeln, Nerven und Zähnen, sondern auch wegen der eingesetzten Technologie.

«Augmentierte Realität»
Bei Zeilhofer werden solche Hightech-Systeme interdisziplinär entwickelt. Sie sollen dem Operateur ermöglichen, schon vor dem Eingriff unter die Haut des Patienten zu blicken. Das neueste System ermöglicht dem Chirurgen sogar eine Navigation ins Innere des Schädels. Ein Grosscomputer in Zeilhofers altem Forschungszentrum an der TU München macht aus computertomografischen Aufnahmen dreidimensionale Bilder, an denen die Operation mit Hilfe einer speziellen Software geplant werden kann. Die Simulation wird dann während der Operation über ein transparentes Display direkt auf den Körper des Patienten projiziert. Die damit erzeugte so genannte «augmentierte Realität» soll Fehlschnitte verhindern und das Eingriffsergebnis verbessern.

Noch ist das nicht Routine. Basels Kiefer- und Gesichtschirurgen haben die neue Navigationsmethode zusammen mit Kollegen aus Mathematik, Informatik und Ingenieurwissenschaft in Deutschland entwickelt und prüfen sie derzeit. «Wir möchten zeigen, dass sie einen realen Nutzen für die Patienten bringt», sagt Zeilhofer. Gleichzeitig befruchtet die Technologie auch die weitere Zusammenarbeit mit den Leuten von der Hochschule für Gestaltung und Kunst. «Augmentierte Realität» könnte zum wertvollen Instrument für Architekten werden und als neues Medium auch die Künstler reizen.

Für den Medizinprofessor bietet die Kooperation eine willkommene Gelegenheit, sich auch mit philosophischen Fragen rund um seine Arbeit auseinander zu setzen. Kunst mache Gedanken über das menschliche Antlitz visuell bewusst, die man sonst nicht zum Ausdruck bringen könne, begründet er sein Interesse. «Das Gesicht ist mehr als das blosse Zusammenspiel seiner anatomischen Teile, mehr als die Gesamtheit seiner Funktionen», sagt der Chirurg. Es sei kein Zufall, dass die deutsche Sprache die Begriffe «Antlitz» und «Gesicht» unterscheide. In der Bibel wird vom Antlitz gesprochen, wenn der Mensch als Abbild Gottes dargestellt wird.

Der Arzt ist überzeugt, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit mehr als ein akademisches Vergnügen ist. «Wir haben eine ganz besondere Verantwortung, wenn wir am Gesicht operieren», betont er. «Es geht dabei auch um die gesamte Persönlichkeit.» Operiert er denn, wenn er ins Gesicht eingreift, auch an der Persönlichkeit? Zeilhofer schüttelt den Kopf. «Ich beobachte aber, dass sich eine Person verändern kann.» Denn Menschen mit Verunstaltungen des Gesichts nehmen sich selbst und damit auch ihre Umwelt nach einem Eingriff anders wahr, bauen neue Beziehungen auf und entwickeln nicht selten völlig neue Interessen.

Thomas Pfluger ist Wissenschaftsjournalist in Blauen BL.
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UNI NOVA
98 - November 2004
Neues Lernen
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